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Unterrichtsgestaltung

Epochenunterricht in bewegten Klassenzimmer? Lernen Sie einige Besonderheiten der Waldorfpädagogik näher kennen.

Die Klassenlehrerzeit

In der Waldorfschule ist der Klassenlehrer für die Kinder die zentrale Bezugsperson. Er unterrichtet sie während der ersten acht Schuljahre, beginnend mit der ersten Grundschulklasse, jeden Morgen circa 100 Minuten in der so genannten Hauptunterrichtszeit. Diese ist in vier künstlerisch aufeinander abgestimmte Abschnitte gegliedert, die dafür sorgen, dass die Kinder ohne Ermüdungserscheinungen dieser recht langen Unterrichtszeit folgen können. Der erste Abschnitt, der rhythmische Teil, ist mit der Aufwärm- und Einspielphase eines Orchesters vergleichbar. Mit Sprüchen, Versen und Gedichten wird die Sprache gepflegt, Bewegungsspiele wecken auf, es wird gesungen und auf der Flöte musiziert, zeitweise gezählt, das Einmaleins geübt und gerechnet. Im zweiten Abschnitt werden die Unterrichtsinhalte des Vortages wiederholt und stellenweise vertieft. Anschließend beginnt der eigentliche Lernteil, in dem die jeweils neuen Unterrichtsinhalte vorgestellt und erarbeitet werden. Im dritten Abschnitt kommen die Kinder ins gestaltende Tun, sie erarbeiten Übungen und fertigen ihr Epochenheft an, das den Stellenwert eines ganz persönlichen Lehrbuches einnimmt. Im vierten und letzten Abschnitt erzählt der Lehrer den Kindern in der Unterstufe Märchen, Fabeln, Mythologien, in der Mittelstufe Inhalte aus der Völkerkunde und aus der mittelalterlichen und neueren Geschichte.

Eine hohe Kunst und Herausforderung für den Lehrer ist es, die Unterrichtsinhalte in bildhafter Form an die Kinder heranzubringen, sodass nicht nur der Kopf allein gefüttert wird, sondern auch die Seele ihre Nahrung erhält. Wenn möglich lernen die Kinder neue Inhalte zunächst über alle Sinne kennen, um dann vom „Greifen“ zum „Begreifen“ zu kommen.

Der Fächerkanon wird auf die Entwicklungsphasen der Kinder abgestimmt und umfasst anfangs die Schwerpunkte Formenzeichnen, Deutsch und Rechnen, später Sachkunde, die in Geographie übergeht. Tier-, Pflanzen- und Menschenkunde, Geschichte, Physik und Chemie schließen sich in der Mittelstufe an.

In der acht Jahre währenden Klassenlehrerzeit versucht der Lehrer die individuellen Anlagen und Fähigkeiten seiner Schüler wahrzunehmen und individuell zu fördern. Dieser hohe Anspruch kann aber nur gelingen, wenn eine enge Zusammenarbeit zwischen Lehrer und Elternhaus stattfindet und der einseitig auf Schule oder Elternhaus zugesprochene Erziehungsauftrag als ein gemeinsamer Auftrag aufgefasst wird. Dazu gibt es in der Regel monatlich Elternabende und darüber hinaus dauerhaft gepflegte individuelle Gespräche.

Den Abschluss der Klassenlehrerzeit bildet die Präsentation von in der achten Klasse angefertigten Jahresarbeiten, die Aufführung eines einstudierten Theaterstückes und eine längere Klassenfahrt.

Bewegtes Klassenzimmer

Bewegte Schüler – bewegte Lehrer – Bewegtes Klassenzimmer

Seit 1999 hat die Waldorfschule Otterberg neue Unterrichtsformen in der Unterstufe eingeführt. Der Unterricht beruht auf der Erkenntnis, dass

  • Kinder mehr Bewegung brauchen – auch beim Lernen
  • Kinder verlässliche Betreuung brauchen – auch in der Schule
  • Kinder einen gleichmäßigen Rhythmus brauchen – möglichst jeden Tag
  • Kinder eine Gemeinschaft brauchen – auch im Klassenzimmer
  • Frontalunterricht ergänzt und abgelöst werden kann durch Lernmethoden im Kreis, in der
    Gruppe, mit einem Lernpartner – auch in der Unterstufe

Deshalb haben die Klassenzimmer der 1. und 2. Klasse keine klassischen Schulmöbel mehr. Die Räume sind mit Bänken möbliert, die zum Sitzen, Schreiben, Turnen und Bauen dienen können und sie haben Sitzkissen, die zum Sitzen, Knien und Spielen, aber auch zum Ausruhen gedacht sind. Mit den Bänken lassen sich rasch neue Sitzanordnungen schaffen, oder es entsteht ein großer freier Raum, der Bewegung ermöglicht.

Den ganzen Vormittag von 7.30 Uhr bis 12.00 Uhr ist der/die Klassenlehrer/in der 1. und 2. Klasse in seiner/ihrer Klasse. Er betreut die Kinder auch dann, wenn ein anderer Fachlehrer den Unterricht hält. So haben die Schüler immer einen Ansprechpartner, der ihnen hilft, wenn etwas nicht in Ordnung ist, der für die kleinen und großen Sorgen der Kinder da ist. Soviel Unterricht wie möglich gibt der/die Klassenlehrer/in in seiner Klasse selbst.

Der Stundenplan in den Klassen 1 und 2 hat täglich wiederkehrende Elemente. Nach dem Hauptunterricht von 8.00 – 9.30 Uhr folgt der Fremdsprachenunterricht, täglich von 9.30 – 10.00 Uhr. Dann ist die Klassen- und Bewegungsstunde mit gemeinsamem Frühstück, gemeinsamem Spielen oder freiem Spiel auf dem Pausenhof oder im angrenzenden Wäldchen der Schule. Anschließend eine Fachstunde, Handarbeit, Musik, Malen oder Eurythmie.

Die durchgehende Anwesenheit des Klassenlehrers am Vormittag ermöglicht einen flexibleren Stundenplan. So sind die Pausenzeiten der Kleinen von den großen Pausen abgekoppelt, sie können unbehindert und unbekümmert auf dem Schulhof spielen, wenn die anderen Klassen Unterricht haben. Am Ende ihrer Unterrichtszeit steht um 11.30 – 12.00 Uhr die Erzählzeit, Gelegenheit den Vormittag mit den Kindern in einer Rückblende anzuschauen: Was gab es Schönes am heutigen Vormittag? Gibt es noch Streit zu schlichten?… Und dann endet der Schultag mit dem Märchen oder der Legende um 12.00 Uhr. Anschließend können die Kinder nach Hause gehen, die Ganztagsschule bis 16.00 Uhr besuchen oder in der Warteklasse bis 13.00 Uhr auf ihre Geschwister warten.

Entwicklungsphasen (Klassenstufen eins bis acht)

Die Klassenstufen eins bis acht lassen sich in drei Abschnitte einteilen, die jeweils gemeinsame Merkmale der Kindesentwicklung aufweisen.

Der Hauptunterricht in Epochen

Der Fächerkanon an einer Waldorfschule ist sehr breit angelegt. Die so genannten Hauptfächer sind – neben den Fremdsprachen – die Fächer, bei denen mehr die gedankliche Tätigkeit im Vordergrund steht. Dazu gehören Deutsch, Mathematik, Geographie, Geschichte, Naturkunde, Physik und Chemie.

In den Klassen 1 bis 8 werden diese Hauptfächer im so genannten Hauptunterricht vom Klassenlehrer erteilt und zwar täglich zwischen 8 und 9:40 Uhr; in der Oberstufe erteilen den Hauptunterricht die einzelnen Fachlehrer.

Dabei ist das Besondere der Waldorfschule, dass Lehrer und Schüler sich für mehrere Wochen mit einem Hauptfach beschäftigen können, das heißt für eine Epoche von circa drei bis vier Wochen. Dann darf das Gelernte absinken, ein anderes Hauptunterrichtsfach steht im Mittelpunkt. Die Anzahl der Wochen an Hauptunterricht, die für ein Hauptfach aufgewendet werden, entsprechend in etwa derselben Unterrichtsmenge, die an Regelschulen übers Jahr an einzelnen Wochentagen gegeben wird.

Der Fachunterricht

Der Fachunterricht umfasst alle die Fächer, die nicht innerhalb des Hauptunterrichtes erteilt werden. Dazu zählen zum einen die Sprachen Englisch und Französisch, zum anderen die Fächer Eurythmie, Malen, Musik, Religion, Turnen, Gartenbau, Werken und Übstunden in Deutsch und Mathe.

In der Oberstufe tritt an den Nachmittagen der HPK-Unterricht hinzu, das heißt die handwerklich-praktisch- künstlerischen Fächer, die in den verschiedenen Klassenstufen variieren (Plastizieren, Filzen, Spinnen, Weben, Kochen, Korbflechten, Kupfertreiben, Kartonage, Buchbinden, Schneidern, Schreinern, Steinbildhauen, Obstbaumschnitt, Rosenveredelung und Mikroskopie). Darüber hinaus findet in der Oberstufe Computerkunde und Informatik statt.

Als Religionsunterricht wird ab der ersten Klasse wahlweise ein ökumenischer Religionsunterricht oder freichristlicher Religionsunterricht angeboten, später auch Ethikunterricht.

Wir streben einen hygienischen, ausgewogenen Stundenplan an, bei dem die kognitiven Fächer eher morgens, die handwerklich-praktisch-künstlerischen und bewegungsmäßigen Fächer mehr gegen Ende des Vormittags beziehungsweise ab der neunten Klasse im Nachmittagsunterricht am Montag, Dienstag und Mittwoch liegen.